St. Elisabeth Königs Wusterhausen & St. Antonius Eichwalde

 

Spannenden Geschichte zu unserer Pfarrei

Auf Zeitreise mit alten Postkarten
Nun, da Corona viele von uns in die Isolation der eigenen vier Wände zwingt, mag eine kleine Zeitreise vielleicht eine willkommene Abwechslung bieten. - Und dies mittels eines Mediums das zu Beginn des letzten Jahrhunderts mindestens so populär war wie Facebook oder WhatsApp heute: die gute alte Ansichtskarte!


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Ja, für die Generation unserer Urgroßeltern war sie das Medium für Kurznachrichten mit Bild in alle Welt! – Und auch hier im jungen Eichwalde, erschien um die Jahrhundertwende damals eine Vielzahl dieser zum Teil sehr aufwendig produzierten Kleinkunstwerke. Unter den mehr als 500 bekannten Motiven bilden v. a. jene mit Ansichten von Lokalen, Hotels und Restaurants einen markanten Schwerpunkt. Sicher war es der Besitzerstolz, der hier im neuen Villenvorort zu bescheiden Wohlstand gekommenen Mittelschicht, der so seinen illustren Ausdruck fand und noch heute davon kündet. Darüber hinaus war die Postkarte das ideale Werbemedium, um die Vorzüge der jungen Landgemeinde im Grünen zu inszenieren. Die Ausflugslokale, die den Hauptstädter mit großen Tanzsälen, Kegelbahnen und Biergärten aus den Mietskasernen ins Grüne locken wollten, wurden somit auch zu Motoren für die weitere Besiedlung unseres Ortes. Und damit standen sie auch am Anfang des katholischen Lebens in dieser Gegend, denn noch vor Kirche und Pfarrhaus, versammelten sich die Katholiken der Region - wie sollte es anders sein - in einem dieser Ausflugslokale.
Neben den bekannten Ansichten der Notkapelle auf dem alten Gut und unserer Pfarrkirche ist die vorliegende Postkarte genau deshalb ein ganz besonderer Schatz als Neuerwerb unseres Pfarrarchivs. Die colorierte Bildseite zeigt nämlich mit „Wiechers Gesellschaftshaus“ nicht nur die weitläufige Anlage dieser profanen „Wiege“ unserer Kirchengemeinde, sondern sie gibt auch Einblicke in das Leben seiner Besitzer, die zu den wichtigsten Gründerfamilien unserer Pfarrei gehören.
Was wir zunächst sehen, ist das im typischen Stilmix der Gründerjahre aus Neorenaissance und Fachwerkanbau errichtete Gesellschaftshaus an der Ecke von Gosener Straße und Stubenrauchstraße um das Jahr 1910. Die Aufnahme entstand nach Vorlage einer Schwarzweiß-Fotografie, die im Nachgang aufwendig coloriert wurde. Das stolze Haupthaus, das leider nicht mehr steht, beherbergte
neben dem Restaurant einen großen Saal für große Gesellschaften und Bälle und - wie die Rückseite anpreist – „Sommerwohnungen mit Parkaussicht“. Ein Nebengebäude beherbergte Bahnen für die damals so zahlreichen Kegelvereine. Den Biergarten, dessen Tische mit schlohweißen Tischdecken coloriert sind, umgab ein Spalier von Birken und das Kaiserliche Reichsbanner in Schwarz-Weiß-Rot, unter dem sich die Kundschaft die eine oder andere „Molle“ wohl schmecken ließ. Von allen Seiten und schon aus der Ferne sichtbar prangte in großen Lettern der Name des ersten Besitzers: „Wiechers“.
Johannes Wiechers, der 1859 im westfälischen Oeynhausen geboren wurde und von Beruf eigentlich Tischler war, heiratete im Jahr 1888 die Berliner Schankwirtstochter Hedwig Feist. Bereits im Jahr der Gründung Eichwaldes - berichtet stolz das Heimatbuch von 1938 – wird 1894 der gemeinsame Sohn Friedrich, der Absender der Postkarte, als erster männlicher Eichwalder geboren. Das gemeinsam geführte Gesellschaftshaus wurde schnell zu einem der gesellschaftlichen Mittelpunkte des Ortes. Früh engagiert sich die Familie, zu der neben dem Sohn Fritz noch die Töchter Therese, Elisabeth und Katharina gehören, auch in der entstehenden katholischen Gemeinde. Und so wurde „Wiechers“ schnell zum Versammlungsort der katholischen Vereine, Stätte erster Andachten und von 1906-1914 auch der Ort, wo der Kirchenvorstand tagte, dessen Mitglied Johannes Wiechers bis zu seinem Tod 1923 blieb. Hier war der Ort, wo alle profanen Festlichkeiten der katholischen Gemeinde stattfanden. Die Gründung des Kirchbauvereins 1903, die Feiern zur Glockenweihe und natürlich die Kirchweihe von 1913 fanden hier ihren feierlichen Rahmen mit Musik, Gesang, Tanz und allem, was Fass und Küche hergaben.
Was den Kirchbau betrifft, gehörte Johannes Wiechers zunächst zu jenen Gemeindemitgliedern, die sogar schriftlich gegen den Bau am Romanusplatz protestierten. Denn zu verlockend schien ihm als Gastwirt die Aussicht darauf gewesen zu sein, dass ursprünglich der in unmittelbarer Nähe des Lokals gelegene König-Ludwig-Platz (heute: Platz der Republik) als Standort auserkoren war. Aber der Amtsvorsteher von Zeuthen und der Landrat durchkreuzten diese in Hinblick auf sonntägliche Frühschoppen umsatzsteigernden Planungen. Das er letztendlich seinen Frieden mit dem Standort am Romanusplatz machte, beweist nicht zuletzt der Taufstein unserer Kirche, den er stiftete, nachdem der Bau der Kirche die Kirchkasse geleert hatte.

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Zurück aber zur Postkarte: Hier auf der Textseite schreibt - in lateinischer Reformschrift - der oben erwähnte Friedrich Wiechers seinem Cousin Hubert Kropp in Münster. Datiert vom 28.09.1911 entschuldigt sich Fritz zunächst dafür, dass er lange Nichts von sich hören ließ. Der Leser erfährt, dass die Vorbereitungen für das gerade abgeschlossene Examen ihn daran gehindert hätten. Und freudig berichtet er weiter, dass er just an diesem Tage eine Anstellung bei der Verwaltung von Adlershof - „einer Vorstadt von Berlin“- als Beamtenanwärter für die Dauer von zwei Jahren angetreten habe.
Neben dieser kurzen Nachricht über den beruflichen Werdegang des „ältesten“ Eichwalder Bürgers erfahren wir auf der Bildseite noch mehr Details über das, was die Familie Wiechers im Spätherbst 1911 wohl ebenso freudig bewegt haben dürfte. Hier ließ es sich die ältere Schwester Elisabeth Wiechers (*1890) nicht nehmen, ihren Cousin - in deutscher Kurrentschrift - über ihre Verlobung zu informieren und ihn zur Hochzeit im kommenden Jahr einzuladen. Fast unscheinbar im kurzen Postskriptum dieses Zusatzes folgt dann noch eine kleine Überraschung. Denn hier berichtet Elisabeth ganz stolz über die Entstehung jener Fotografie des väterlichen Lokals – wohl aus dem gegenüberliegenden Wohnhaus: Elisabeth selbst hat die Aufnahme gemacht, die als Vorlage für die colorierte Kopie, diente.
Aus anderen Quellen erfahren wir dann auch, wer der glückliche Bräutigam war, dessen Name hier nicht erwähnt wird, der aber für die Lokalgeschichte kein Unbekannter ist. Am 22.10.1912 heiratete Elisabeth noch in der der alten Notkapelle von St. Antonius auf dem ehemaligen Gut am 22.10.1912 den damaligen Zeuthener Amtssekretär Bernhard Biermann. Der 1886 im westfälischen Wickede gebürtige Biermann, der als Kirchenvorstand das katholische Gemeindeleben ebenfalls prägte, wurde nicht nur langjähriger Chef der örtlichen Polizeiverwaltung, sondern setzte sich als Herausgeber des 1938 erschienen Heimatbuchs von Eichwalde ein Denkmal, das trotz seiner nationalsozialistischen Färbung, bis heute zu den unentbehrlichen Quellen unserer Ortsgeschichte gehört. Nicht minder engagierte sich auch Arthur Kunze, der zweite Schwiegersohn von Johannes Wiechers und Ehemann von Katharina Wiechers, der als Lehrer und Kirchenvorstand die erste Chronik über St. Antonius im damaligen Heimatbuch verfasste.
Wer heute das einstmals stattliche Gesellschaftshaus im Ortsbild sucht, wird enttäuscht. Nach dem Tod von Johannes Wiechers im Jahr 1923 wechselte es mit der ebenfalls katholischen Familie Schwark die Eigentümer. Weiterhin feierte auch die Kirchengemeinde hier die großen Feste, wie bspw. 1934 das silberne Priesterjubiläum von Pfarrer Max Kohlsdorf. Während des Weltkrieges waren hier französische Fremdarbeiter der Firma Siemens untergebracht, die Pfarrer Kohlsdorf seelsorgerisch betreute. Zu Zeiten der DDR amüsierten sich hier die Jugend im als Jugendclub genutzten Lokal. Doch nach der Wende wurde das Lokal dann abgerissen und die heutige Wohnbebauung errichtet.
An die Familie Wiechers dagegen erinnert auch heute noch das eindrucksvolle Familiengrab unmittelbar vor der Friedhofskapelle in Eichwalde. Es zählt – dank des Engagements unseres Ortschronisten Wolfgang Flügge – heute zu den erhaltenswerten Gräbern auf dem Friedhof von Eichwalde.
Zu weiteren Zeitreisen, wie dieser zu „Wiechers Gesellschaftshaus“, werde ich in unregelmäßigen Abständen gern wieder einladen. Bis dahin freue ich mich auf Post von Euch/ Ihnen mit Rückmeldungen oder Anregungen.
Bis dahin bleibt behütet und gesund
- Euer Oliver Strübing!